Die
Pferdeschwestern - Mylene und Mynou Diederichsmeier sind im
Springsport ganz vorne dabei
Der
platte Reifen hätte den Sieg fast verhindert. Drei Stunden
stand Mylene Diederichsmeier wegen einer Panne vor Neustadt
(Dosse), und die Schwester bibberte: Kommt sie rechtzeitig
zur Prüfung? Pferd, Sattel und Pflegerin waren zwar da,
aber ohne die Tipps der großen Schwester wollte Mynou
Diederichsmeier lieber nicht starten. Wenige Minuten bevor
sie in den Parcours musste, kam Mylene an, konnte noch: „Reit
fünf statt sechs Galoppsprünge in der Kombination!“
sagen, Mynou tat genau das – und gewann.
Die
Diederichsmeier-Schwestern, geboren in Berlin, gehören
zu den wenigen Brandenburgern, die im Springsport vorne mitmischen.
Mylene Diederichsmeier reitet an der Weltspitze, 2005 gewann
sie mit dem Team die Riders Tour, das ist die vielleicht begehrteste
Springprüfung überhaupt, und in der Einzelwertung
wurde sie Zweite. Ihre Schwester Mynou reitet ebenfalls in
der schweren Klasse, sie platzierte sich vergangenes Jahr
bei drei Großen Preisen – und gewann nach der
Reifenpanne am Donnerstag das Finale der Junior-Future-Tour
in Neustadt (Dosse), einer Prüfung, für die man
das ganze Jahr über Punkte sammeln muss. An diesem Sonntag
startet Mylene ab 14 Uhr beim Großen Preis.
Vor
der Drei-Sterne-S-Springprüfung des CSI Neustadt (Dosse)
sitzen die beiden auf dem Pressebalkon über der Reithalle.
Die Hallendecke, honigfarbenes Holz, ist mit den 15 Flaggen
der teilnehmenden Nationen geschmückt, vom Parcoursboden
her riecht es nach Holzschnitzeln, manchmal weht ein warmer
Dunst Pferdeschweiß vorbei. „Es ist etwas Besonderes,
zu Hause zu reiten“, sagt Mylene Diederichsmeier. Einen
Kopf größer ist die 28-Jährige als ihre sechs
Jahre jüngere Schwester, sie hat feine Züge und
die Augen sehen etwas asiatischer aus als die der Schwester
– die Mutter der beiden ist Koreanerin. „Zu Hause“
ist sie hier also noch immer, obwohl sie nach dem Abitur zu
ihren Sponsoren, der Familie Goessing, nach Westfalen gezogen
ist.
Aufgewachsen
sind die Diederichmeiers in Berlin. Der Vater hatte einen
Reitstall direkt an der Deutschlandhalle, deren Geschäftsführer
er war. Nach dem Mauerfall ist die Familie nach Brandenburg,
Dallgow-Döberitz, gezogen. Mylene bleibt in Westfalen,
wo ihre Pferde sind, denn „die Besitzer würden
sie mir nicht nach Berlin mitgeben. Ich komme nicht mehr zurück“,
sagt sie.
Neid,
den gibt es bei den Schwestern nicht. „Wir reiten ja
andauernd in gleichen Prüfungen“, sagt Mylene,
und im Gegenteil, sie freue sich manchmal noch mehr über
Mynous Erfolge als über die eigenen. Die Stärken
der Jüngeren seien ihr Kampfgeist, Ehrgeiz und ihr Pflichtgefühl
– „sie geht gerne auch mal aus, aber nie bis morgens
um sieben, wenn die Pferde morgens warten“, sagt die
Ältere. „Mylene ist sehr geduldig und hat ein Händchen
für schwierige Pferde“, sagt Mynou, das bewundert
sie.
Die
Jüngere ist eher der rasante Typ, „mein Springen
war immer ein bisschen wild, da fanden meine Eltern, ich soll
mehr Dressur reiten“. Die Pflichtübung machte sie
aber ziemlich gut – ebenfalls bis zur schweren Klasse
ritt Mynou Dressurprüfungen. Gefallen gefunden hat sie
daran allerdings nicht – „ich habe mich ganz fürs
Springen entschieden“.
Beide
Schwestern durften nach dem Abitur ein Jahr lang testen, ob
sie ihr Geld durchs Reiten verdienen können, oder doch
einen „richtigen“ Beruf lernen wollen. Mylene
wie Mynou entschieden sich für ein Leben als Profi-Reiterinnen.
Mylene lebt nun in Steinhagen, kümmert sich um 13 Turnierpferde,
beim Reiten unterstützen sie ein Lehrling und zwei Bereiter,
zum Training fährt sie zu Kurt Gravemeier, dem Bundestrainer
der Springreiter. Die 22-jährige Mynou hat den Reitstall
der Eltern in Dallgow übernommen, bereitet Pferde von
Kunden und gibt Unterricht. Ein Mal im Monat packt sie ihre
Pferde auf den LKW und fährt nach Westfalen, um ein paar
Tage bei Mylene zu trainieren.
Vielleicht
werden die Wege bald ein bisschen weiter – „es
gibt da eine Idee, nicht nur Pferde nach Korea zu verkaufen,
sondern auch Lehrgänge dort zu geben“, erzählt
Mylene, und wirft der Schwester einen bestätigenden Blick
zu. Koreanisch sprechen die beiden aber nicht – „obwohl
wir bis zur Oberschule jeden Freitag zur koreanischen Schule
in Berlin gegangen sind“, sagt Mylene Diederichsmeier.
Dann aber, als sie zehn, elf Jahre alt war, „hat das
auch nicht mehr mit den Turnieren gepasst“. Da hat die
Sprache gegen den Sport verloren.
Text
von Jeannette Krauth, Tagesspiegel Januar 2006
Fotos: Privat, Marietta Grade